As mil faces de Iemanjá

2. Februar 2020, Dorothea Kurteu
 

„Die tausend Gesichter von Iemanjá“ – unter diesem Titel ist am 2. Februar - dem “Dia de Iemanjá” - ein Artikel in Correio erschienen, der ein interessantes Thema aufgreift -

Wie wird über Orixás erzählt? Welche Gesichter, welche Geschichten rücken in den Vordergrund und weshalb, welche verblassen oder gehen verloren und weshalb?

Erzählt wird in der modernen Welt in erster Linie über Bilder, oft über möglichst ein-deutige Bilder. Der menschliche Blick auf die Orixás möchte sie fassen, sie in unsere Codes integrieren, sie uns offenbar möglichst ähnlich wahrnehmen, oder zumindest zu etwas in Bezug setzen, das wir bereits kennen.

Yemanjá ist in den Ländern der Diaspora wie Brasilien oder Kuba zur wohl populärsten Orixá im Xiré geworden. Und wie anderen Stars auch wurde ihr dabei ein Image zuteil.

Die Autorin möchte zu einer kleinen – manches auslassenden, aber hoffentlich inspirierenden – Reise einladen, die den öffentlich dominanten Bildern ebenso nachgeht, wie den alternativen, vielschichtigen Darstellungen.
 

Casa de Yemanjá na praia do Rio Vermelho

Das Casa de Yemanjá am Strand von Rio Vermelho in Salvador da Bahia ist ganzjährig eine Touristenattraktion, die beiden unteren Bilder zeigen den „Altar“ im Inneren.

Seit 1923 findet hier jährlich das größte und weltweit bekannte Fest für Yemanjá statt. Die Fischer der Colônia Z1 haben es begründet. Nachdem sie keine Fische mehr gefangen hatten, gab ein Pai de Santo ihnen den Rat, Yemanjá Gaben zu bringen (nach einer andere Variante kam der Rat von den wohlhabenden Besucher*innen der Fischlokale… ;-)) Jedenfalls: es hat gewirkt. Der Überlieferung nach war es der 2. Februar, an dem die Fische wiederkamen.


Yemanjá, uma Sereia? Yemanjá é branca, é negra, morena…?

Celiana Maria dos Santos hat im Rahmen einer wissenschaftlichen Arbeit mit Titel „Yemanjá, uma Sereia? O „Mito“ Africano no imaginário de pescadores do Rio Vermelho“ Gespräche mit den Fischern und auch mit einer für den sakralen Teil des Festes verantwortlichen Iyalorixá geführt. Hier einige Zitate* –

Será que Yemanjá é uma sereia, como aquela da escultura? — Eu acho que sim, porque muitos pescadores que já tiveram visão dela, disseram que ela é assim, branca e com os cabelo bem cumprido. Mas ela não deixa ninguém chegar perto dela, nem ver seu rosto. O pessoal daqui, os mais velho, dizia que a Mãe d’Água era uma mulher muito bonita, e era vista sentada na pedra, mas, quando nota que era observada, se lançava no mar, deixando um movimento de água ao redor. (Pescador)

Como você imagina Yemanjá? — Sempre que eu tô no mar, de noite, principalmente, enquanto os companheiro dorme, eu fico acordado – eu não consigo dormir quando estou no mar -, aí eu fico imaginando: e se Yemanjá aparecesse aqui, agora? É um pensamento… Ela é linda! Ninguém diga que não é, porque é. Acho que ela é branca. Pelas imagem, os desenho, essas pintura que a gente vê… acho que ela é idêntica. — E se ela fosse negra? — Ah…. ia ser mais bonita ainda! (Pescador)

Que ideia tem sobre Yemanjá, ela é uma sereia? — Yemanjá é a dona das águas. Yemanjá veio da África, ela é negra. Mas existem várias qualidades de Yemanjá: Yemanjá Sobá é a clara. Tem a Yemanjá Sussu, que é a negra. A Yemanjá Ogunté é morena. A Yemanjá da Colônia de Pescadores tem rabo de peixe, porque, de acordo com a lenda, surgiu das águas. Yemanjá é uma divindade muito especial, muito misteriosa, ela pode aparecer de várias maneiras, depende da vidência das pessoas. ( Mãe Aíce – Yalorixá do Terreiro Odé Mirim de Oxóssi)

Os pessoal fala muitas coisa, mas, eu mesmo nunca vi Yemanjá. Ela é um mistério… (Pescador)


A Virgem Maria

Im Synkretismus mit dem katholischen Glauben wird Yemanjá, als „Große Mutter“ in Brasilien vor allem mit der Heiligen Jungfrau Maria und auf Kuba (Santeria) mit der Virgen de Regla, der Schwarzen Madonna verbunden. Hier Bilder aus Kuba –
 


Yemanjá na Umbanda

Dieses Bild unten links ist „das“ ikonische Bild von Yemanja in der Umbanda Brasiliens, es findet sich so oder ganz ähnlich auf vielen websites und Publikationen. Es soll auf das Gemälde rechts aus den 1950er Jahren zurückgehen, das – je nach Version der Geschichte – eine Frau namens Dalla Paes Leme, eine Weisse mit indigenen Zügen, oder eine Yemanja Traum-Vision von ihr zeigt. Interessant ist das deshalb, weil sie eine wohlhabende und einflussreiche Frau in den damaligen umbandistisch/spiritistischen Kreisen Brasiliens war und dieses Bild als das der „wahren Yemanja“ in kürzester Zeit weite Verbreitung fand.


Voltar às raízes

In den Mythen Westafrikas ist Yemanjá, wie Oxum oder auch Iansã, eine Òrìşà des Flusses, des Süßwassers. Meist wird sie als Tochter von Olokún benannt, Òrìşà des Meeres. Dargestellt wird Yemanjá ursprünglich nicht schlank wie in Brasilien, sondern beleibt und vollbusig, manchmal auch mit nur einer Brust. Am Kopf eine Kalebasse.

Quelle des Fotos der Skulptur links ist die Fundação Pierre Verger, wann sie entstanden ist, ist mir leider unbekannt. Die Figur in der Mitte ist mit Beginn des 20. Jhdt datiert und zeigt Yemanjá beim Stillen der Ibejis, sie ist im Museo Afro Brasil in São Paulo zu sehen. 1971 hat Abayomi Barber in Nigeria „Yemoja“, die Skulptur rechts, geschaffen, zu sehen in der National Gallery of Art, Nigeria (NGA).


Water Road

Die „Verwandlung“ von Yemanjá erfolgte auf der Diaspora der Afrikaner*innen nach Nord- und Südamerika bzw in die Karibik. Sie wurde zur weiblichen, mütterlichen Hüterin und Kraft dieses Meeres, durch das „ihre Kinder“ ziehen mussten.

In seinem Bilderzyklus „Water Road“ thematisiert der US-Amerikanische Künstler Daniel Minter das Trauma des transatlantischen Sklavenhandels, das Yemanjá diese neue, weitere Dimension gab. Rechts ein Bild dazu von Annie Gonzaga, einer politisch engagierten (auch Straßen-)Künstlerin aus Brasilien.


Ela é um mistério

Im Folgenden eine Auswahl an Bildern, die von der Vielschichtigkeit und dem großen Raum dieser Orixá erzählen.

Eine Montage aus dem eingangs erwähnten Artikel. Skulpturen aus Salvador da Bahia, Künstler*innen unbekannt: in Rio Vermelho (1), in Itaigara (2), eine „Schwarze Madonna“ auf einem Peji (eine ganz ähnliche Figur ist oben im Casa de Yemanjá zu sehen) (3) und eine Sereia in Itapuã (4)

Hier links ein Bild einer unbekannten Künstler*in, in dem wir auch ein Ponto Cantado/ein Lied unseres Terreiros für „Yemanjá Lalu/Yemanjá Preta“ wiedererkannt haben, in der Mitte „An Offering“ des in Manchester lebenden brasilianischen Künstlers André Hora, rechts „Yemaya Asesu“ von Maria Giulia Alemanno, Brasilien

Arbeiten von Menote Cordeiro, Brasilien

Interessant – meist treten Orixás in den Darstellungen solo auf, oder, wie in bekannten Bildern von Carybé, als ganze Xiré Gemeinschaft, selten in ihren gegebenen Verbindungen in der Natur. Hier „Aguas“, Yemanjá und Oxum von Annie Gonzaga, Brasilien


Mensageiro entre dois mundos – Pierre Fatumbi Verger

Die fotografische Kunst Pierre Vergers hat einen unschätzbaren Wert für die Tiefe der Erzählung über die heilige Begegnung Orixá-Mensch-Raum. Zwei so wunderbare Bilder Yemanjás aus Bahia, 1946

Zum Abschluss die zwei persönlichen Lieblingsbilder der Autorin. Die Künstler*in des ersten ist leider wieder unbekannt, „Reach of Quitude“ ist der Titel des zweiten, von Daniel Minter aus dem Zyklus „Water Road“. In beiden taucht wieder das Symbol der Kalebasse auf.


O Abebé – um espelho mítico

Die große Iyalorixa Mãe Stella de Oxóssi hat einmal sinngemäß gesagt — Yemanjás Abebé, der mythische Spiegel, reflektiert uns, was wir sind und vermögen zu sehen.

Welche Bilder werden von Yemanjá zurückgespielt, wenn wir den Spiegel anheben?

Saravá Yemanjá! Iodoceaba! Odo Iyá!



Links

Alexandre Lyrio - „As mil faces de Iemanjá“, Correio Feb 2020

Celiana Maria dos Santos - „Yemanjá, uma Sereia? O „Mito“ Africano no imaginário de pescadores do Rio Vermelho“. Dissertação de Mestrado apresentada ao Programa de Pós-graduação em Relações Etnicorraciais, do Centro Federal  de  Educação  Tecnológica  Celso  Suckow  da Fonseca –CEFET/RJ. Rio de Janeiro 2013

http://dippg.cefet-rj.br/pprer/attachments/article/81/11_Celiana%20Maria%20dos%20Santos.pdf

Fundação Pierre Verger pierreverger.org/br/



*Zitate auf Deutsch

Ist Yemanjá eine Meerjungfrau, wie die der Skulptur? - Ich denke schon, denn viele Fischer, die sie gesehen haben, sagen dass sie so ist, weiß und mit glatten Haaren. Aber sie lässt niemanden in ihre Nähe und lässt niemanden ihr Gesicht sehen. Die Menschen hier, die Ältesten, sagen, dass die “Mutter des Wassers” eine sehr schöne Frau ist, und sie wurde gesehen, wie sie auf einem Stein saß, aber als sie bemerkte, dass sie beobachtet wird, warf sie sich ins Meer und hinterließ nur eine Bewegung im Wasser.

Wie stellen Sie sich Yemanjá vor? - Immer wenn ich am Meer bin, hauptsächlich nachts, während meine Begleiter schlafen, bleibe ich wach - am Meer kann ich nicht schlafen -, dann frage ich mich: Was wäre, wenn Yemanjá hier und jetzt auftauchen würde? Es ist ein Gedanke... Sie ist wunderschön! Niemand sagt, dass sie es nicht ist, denn sie ist es. Ich glaube, sie ist weiß. Durch die Bilder, die Zeichnungen, die Gemälde, die wir sehen... Ich glaube, sie ist genau so. - Was wäre, wenn sie schwarz wäre? - Ah... dann wäre sie noch schöner!

Welche Vorstellung haben Sie von Yemanjá, ist sie eine Meerjungfrau? - Yemanjá ist die Herrin der Wasser. Yemanjá kam aus Afrika, sie ist schwarz. Aber es gibt mehrere Qualitäten von Yemanjá: Yemanjá Sobá ist die Klare. Yemanjá Sussu die Schwarze. Yemanjá Ogunté ist braun. Die Yemanjá der Colônia der Fischer hat den Schwanz eines Fisches, weil sie der Legende nach aus dem Wasser aufgetaucht ist. Yemanjá ist eine ganz besondere Gottheit, sehr geheimnisvoll, sie kann auf viele Arten erscheinen, das hängt von der Hellsichtigkeit der Menschen ab.

Die Leute reden viel, aber ich selbst habe Yemanjá nie gesehen. Sie ist ein Mysterium...
 




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