Nicht aufhören, zu tanzen

6. Mai 2020, Dorothea Kurteu

“Mich interessiert die Gestaltung eines Lebens nach diesen Einschränkungen. Was gelingt uns? Wie können wir da herausfinden und etwas Neues entwickeln über das hinaus, was mehr Desselben, mehr vom Alten ist?“ -  Iya Ebomim Riki Fink, Filha de Tempo/Iroko e de Oxalá, Älteste der Terra Sagrada, Kekerê der Gira Graz
Dorothea Kurteu hat dieses Gespräch mit Iya Ebomim in Tagen der Covid-Ausgangsbeschränkungen im April 2020 in Österreich via skype geführt

Querida Iya Ebomim,  a sua benção, wo begegne ich dir denn gerade und in welchem Moment?
Ich bin zu Hause in meiner Wohnung in Graz und schau raus auf die Bäume. Wenn ich die Türe aufmache, höre ich den Bagger, der da gerade alles Mögliche verändert rund um meinen Bach herum.
Heute war es etwas aufregend, weil ich einen Termin falsch eingetragen habe für eine Online-Gruppen-Konferenz und ich dann überrascht worden bin - um halb neun hätte das starten sollen und zehn nach neun hat man mich angerufen, wo ich denn sei ... und ich war sozusagen noch im Nachthemd unterwegs … (lacht) … das musste ich dann ganz schnell verändern und da einsteigen und dann war ich den ganzen Vormittag in Online-Supervisions-Kontexten unterwegs. Dann Kochen und telefonieren. Ich habe mit unserer Mãe de Santo telefoniert und jetzt gerade mit Brasilien. Heute ist also richtiger Telefontag, Techniktag. Ich war noch garnicht draussen, dabei ist es so sonnig. Aber es war auch schön, zu plaudern und auszutauschen.
Von meiner Wohnung aus bin ich relativ schnell in der Natur, also in fünf bis sieben Minuten in einem ersten Waldstück und dann noch einmal fünf bis sieben Minuten, dann bin ich im Grazer Urwald und kann da ganz gemütlich herumstreifen.

Graz hat einen Urwald?
Ja, den hat jemand vor etwa 120 Jahren angelegt. Das sind jetzt alte Bäume, eigentlich exotische Bäume größtenteils, es gibt einen kleinen Hain mit Bambus, gleich am Eingang einen riesigen Mammutbaum. Es ist alles ziemlich naturbelassen, nicht bearbeitet. Man kann an einem kleinen Bächlein entlangspazieren und kommt dann in einen normalen Mischwald. Gut, um ein bisschen das Grün und die Natur einzuatmen.
 

Meine Idee zu diesem Gespräch ist aus einigen Zeilen entstanden, die du an uns Filhas und Filhos im Terreiro vor einigen Wochen, am Beginn dieser Ausnahme-Zeit geschrieben hast.
“Übergänge waren für mich bisher immer Bewegungen von Bekanntem zu Unbekanntem in dem Bekanntes enthalten ist, diesmal fehlt mir diese Art von Kontinuität, die ich bisher in Übergängen zu denken und zu sehen meinte. Ich weiß nicht, diesmal ist es für mich anders, vielleicht auch, weil ich gar keine Kontinuität sehen und denken will, um nicht die Hoffnung nach einer größeren Veränderung oder besser Erneuerung nicht zu stören. Alles was ich höre aus den unterschiedlichsten Perspektiven über das Danach, baut schon wieder auf auf Gehabtes. Wie können wir was beschreiben, denken, erfahren das noch nicht da war? …wenn ich die Augen schließe, die Uhr, den Bagger draussen, die Stille höre, ist es gut, ich bin wohl, zufrieden, das Danach existiert nicht, oder doch…? - Mögen Tempo und Oxalá uns beschützen, Axé Iya Ebomim”

Genau, das beschäftigt mich. Vor allem rund um diese Corona Geschichten. Am wenigsten interessiert mich ja eigentlich der Virus selbst. Diese Zahlen auf und nieder gehen mir schon auf die Nerven. Mehr interessiert mich die Gestaltung eines Lebens nach diesen Einschränkungen. Was gelingt uns? Was auf der wirtschaftlichen Ebene, was auf der ökologischen Ebene? Es wird ja im Moment nichts anderes gedacht als wirtschaftlich und ich habe den Eindruck, in der gleichen Form wie immer. Man operiert mit Wachstums- und Verlustgeschichten. Aber ich habe bis jetzt nichts gehört darüber, eine andere Art von Finanz- und Wirtschaftssystem zu denken und ein anderes Weltsystem. Das ist, was mich beschäftigt, wie können wir da herausfinden und etwas Neues entwickeln über das hinaus, was sozusagen mehr Desselben, mehr vom Alten ist.

Ich merke, ich tu mir ganz schwer damit, Bilder zu entwerfen. Wie stelle ich mir 2022 oder 2025 vor? Ich kann am ehesten sagen "Das wünsche ich mir", aber da muss man ja aufpassen, dass es nicht so eine romantische Vorstellung von einem schöne heile Welt Leben ist, sondern was ist eine lebendige Weiterentwicklung dessen, was wir haben? Auf vielen Ebenen - auf der wirtschaftlichen Ebene, auf der Ebene von Ökologie und Nachhaltigkeit, von Freiheit und Freiräumen.

Die Freiheit ist ja ein großes Kapitel - Kontrollmaßnahmen, Wachen, Einschränkung von Freiheiten, Überwachungsstaat, das halte ich für ganz problematisch im Moment. Die andere Geschichte dazu, die ich ganz schrecklich finde, ist, wenn die Leute anfangen, sich gegenseitig zu denunzieren. Also da denke ich nur - “bitte, wo leben wir?!” Oder wie schnell leben wir wo, wo wir nicht leben wollen oder ich jedenfalls nicht leben will. Das beschäftigt mich sehr.

Das Virus kann ich nicht einschätzen, wie dramatisch das tatsächlich ist. Von den Zahlen her müsste ich sagen, ist es nicht so wahnsinnig aufregend, jedenfalls in Österreich. Gerade heute habe ich gehört, dass es in Brasilien gerade offensichtlich ziemlich massiv wird, dass die erst in Richtung des Peaks gehen und das aufgrund des schlechten Gesundheitssystems natürlich sehr dramatische Auswirkungen hat. Ähnliche Zustände, die wir von Italien und Spanien mitgekriegt haben.

Du bist ja auch Kekeré der Gira in Graz, wie sieht Gira-Leben zur Zeit aus?
Gira-Leben ist zur Zeit natürlich sehr eingeschränkt, öffentliche Rituale und Gruppentreffen wurden abgesagt. Es gab dann online Möglichkeiten, dass man sich als Personen wieder mal sieht und sich austauscht, wie es so geht.
Regelmäßig haben wir auch kleine Assentamentos zu einem bestimmten Zeitpunkt ausgemacht, dass möglichst alle sich vor ihrem eigenen Peji treffen, eine Kerze anzünden und ein bisschen singen, im Wissen, dass das auch andere machen. Oder wenn unsere Mãe de Santo am Terreiro in Stein - in kleinsten Gruppen mit fünf Leuten in der Regel - ihre Entitäten inkorporiert hat, also Preta Velha, Cabocla oder Marinheiro, dann wussten wir das und konnten uns da einklinken. Man zündet zur gleichen Zeit eine Kerze an und verbindet sich so ein Stück weit mit dem Geschehen dort.

Das waren bisher die Haupt-Aktivitäten und nachdem heute (Anm. am 28. April) ja offiziell verkündet worden ist, dass es ab 1. Mai wieder Gruppentreffen bis zu zehn Leuten geben kann, war meine Idee, diese Anregung der Entitäten der Mãe de Santo aufzugreifen und einerseits Hausräucherungen zu machen und, wenn das passend ist, die Preta Velha zu rufen. Ich möchte auch  relativ bald, vielleicht in zwei Gruppen, mit internen kleinen Giras beginnen, dass den Filhas und Filhos die Möglichkeit gegeben wird, ihre Entitäten, speziell die Caboclos, zu rufen und zu tanzen. Dass diese Art von Erleben und miteinander Spüren, Raum schaffen und Raum gestalten, wieder unmittelbarer erlebbar wird.

Das ist ja auch ein wesentlicher Teil dieser Tradition, das Leibliche, das Körperliche, der Kontakt.
Genau. Das habe ich gerade auch heute im Telefonat mit der Mãe de Santo gehört. Ihre Entitäten beziehen sich eigentlich nie auf das Virus und auf Corona per se, sondern vielmehr auf die Auswirkungen, auf ein Wahrnehmen und aufmerksam bleiben, was es eigentlich braucht, um ein gutes, lebendiges Leben zu führen. Gerade jetzt am Wochenende hat zB Rainha, die Mentor-Entität der Elegbaras, aus ihrer Perspektive dieses Bild verwendet, wie wichtig es ist, dass wir nicht aufhören zu tanzen, um mit uns und unserer Körperlichkeit und Leiblichkeit in Kontakt zu sein, und natürlich auch im Tanz mit den Anderen.

Ob wir jetzt mit unseren Entitäten tanzen, und das in einer Gruppe, oder ich für mich, oder auch im ganz normalen Leben, alleine oder mit anderen - das ist für mich ein sehr schönes Bild, das ist eine Form des Sich Erlebens, auch in der Körperlichkeit und Leiblichkeit.

Wir hatten im  Terreiro in diesen Wochen Dias de Oxóssi und de Caboclo, auch den Dia de Ogum. Gibt es aus den Räumen dieser Kräfte etwas, wo du sagst, es ist interessant zu hören?
In Bezug auf Ogum war es mir wichtig, auch mit der Mãe de Santo Rücksprache zu halten, weil Ogum auch eine Kraft ist, die natürlich für das Gesamtgleichgewicht wichtig ist, aber im Moment vielleicht nicht zu sehr forciert werden sollte, weil wir davon schon generell viel in unserer Welt haben. So haben wir von Seiten der Gira eine Hinwendung und Referenz gemacht, aber nichts Großes.

Wenn man Oxóssi in Verbindung bringt mit der Natur ganz allgemein, dem Wald, den Bäumen,  dem lebendigen Wachstum im Gesamten, dann ist das natürlich etwas, das zur Zeit vielleicht noch wichtiger ist, als sonst, oder gerade die Hinwendung ganz wichtig ist. Und es war ja auch, zumindest für mich, in dieser sehr eingeschränkten Zeit die Haupt- Möglichkeit. - Was noch erlaubt war: ich darf rausgehen, ich darf in die Natur gehen, ich  darf in den Wald gehen, ich darf mich zu einem Baum setzen, ich darf miterleben, wie es langsam wieder grün wird. Ich glaube, dass das im Moment sehr gut tut und sehr wichtig ist, sich diesem lebendigen Wachsen zuzuwenden.

Auch in den Bildern und Notizen in den Sozialen Medien zeigt sich in diesen Wochen eine innige Verbindung vieler Menschen mit der Natur und eine Hinwendung auf die jeweils eigene Weise. Zum Beispiel sehe ich viele Mikro-Beobachtungen von Insekten und Pflanzen. Und ganz wichtig für viele ist natürlich auch der Wald. Das finde ich schön und berührend, dass uns das so nah kommt. Zugleich frage ich mich, was bleibt von dieser tieferen Begegnung und der Wahrnehmung, dass die Natur nicht nur ein Ort der Freizeitaktivitäten und des Ausgleichs von unserer Zeit am Computer ist, sondern dass sie auch als diese Mitwelt gesehen wird.

Das ist genau das, was ich hoffe, dass diese Erfahrungen auch mit hineinkommen in diesen Veränderungsprozess. Dass wir in den Überlegungen, wie stellen wir unsere Gesellschaft ein Stück neu auf, auch den Bezug zur Natur mit hineinnehmen, zu dem, wo wir ein Teil davon sind. Wie wird das einfach ein selbstverständlicher Teil?

Manchmal denke ich mir ja, es ist auch eine Anmaßung, wir Menschlein könnten die Natur schützen. Das ist ja ein seltsames Bild eigentlich. In der Regel gehe ich in den Wald und ich fühle mich geschützt, ich habe nicht das Gefühl, dass ich den Wald schütze. Manchmal schon, wenn jemand mit der Motorsäge unterwegs ist … So gehts mir jetzt auch bei meinem Bach da hinten, da gibts ja noch ein paar Bäume und immer, wenn ich die Motorsäge höre, werde ich ganz unruhig und habe das Gefühl, jetzt muss ich rausgehen und mich an einen Baum ketten.  Aber ja, wie sehr ist das möglich, dass wir das nicht nur mitdenken, sondern erkennen, das ist unsere Grundlage und wenn wir die nicht klar mit hineinnehmen in unser gesamtes Denken und ins Geschehen, dann wirds einfach ziemlich düster werden.

Und was garnicht so sehr gesehen wird, aber natürlich ganz wichtig ist, ist die Frage des Wassers. Die Luft kann jetzt ein bisschen mehr atmen oder wird freier von Dreck, weil weniger herumgeflogen und gefahren wird, aber  das Wasse das ist präsent, weil es nicht da ist, indem es nicht regnet und trocken ist. Das Wasser ist für mich ein Element, dem man ganz große Bedeutung und auch Zuwendung schenken muss, generell, wenn  wir ein Leben erhalten wollen auf dieser Welt, das auch lebbar und lebenswert ist.

Ich freue mich immer, ich hab ja das Glück, auf ein kleines Bächlein zu schauen. Zwischendurch war es ein bisschen betrübt, dann bin ich einmal mit einem Rechen hin und hab ein bisschen saubergemacht, damit das Wasser wieder freundlich dahinfließt . Durch diese baulichen Tätigkeiten habe ich jetzt ein Stück davor auch so eine Art Teich, an dem man jetzt auch die Frösche hört. Auch deshalb ist mir das Wasser jetzt näher und über die Tiere dann auch wieder hörbar - ich erinnere mich, ah da muss ein Wasser sein, sonst gäbs nicht so viele Frösche ...

Für mich ist gerade viel Alltag, das Rausschauen, das Erleben und in Kontakt und in Beziehung sein mit der Natur, und ich merke, wie wichtig das ist und wie sehr ich das brauche. Je älter ich werde, desto weniger bin ich Stadtmensch und die vielen Mauern machen mich ganz unrund.
 

Mir ist heute ein kurzer Text von Hermann Hesse zu den Bäumen untergekommen, er schreibt - “Ich verehre sie, wenn sie in Stämmen und Familien, in Wäldern und Hainen leben. Und noch mehr verehre ich sie, wenn sie allein stehen.” Ein nicht mehr ganz zeitgemäßes Bild, nach allem, was wir mittlerweile über Bäume wissen?
Ich habe sie auch gern, diese großen, schönen Bäume, die manchmal wirklich auch relativ allein irgendwo stehen, aber die immer einen Raum schaffen für mich. Dieses alleine stehen ermöglicht immer auch den Raum des Rundum gut zu sehen und wahrzunehmen und auch dieses Verbinden, von da, wo er steht - in der Erde - zu dem, was darüber ist und um ihn herum. Das zu verdeutlichen, dafür steht für mich ein einzelner Baum. Manchmal habe ich auch das Gefühl, er ist so etwas wie der Hüter eines Ortes, manchmal auch wie der Eingang in einen neuen Raum. Ob es jetzt ein Garten ist oder in der freien Natur - wenn ein neuer Raum betreten wird, steht da manchmal markant ein einzelner Baum. Zum Beispiel oben beim Urwald ist das auch so, da gibt es diesen großen Mammut und dann geht man in diesen Wald hinein.

Natürlich bin ich auch immer wieder beeindruckt, wenn ich durch Wälder gehe und diese riesigen Buchen oder Eichen da stehen, dort mehr in dieser Verbindung, die sie machen mit den anderen Bäumen, welche Räume wiederum daraus entstehen.

Das war auch ein Bild, das du mit uns geteilt hast, im Raum der Marinheiros -
“Gerade gestern stand ich lange an einem Baum (große Eiche) im Wald und mir kam das Bild wie von der Spitze eines hohen Mastens  in die weite dunkle Leere des Meeres in der Nacht zu schauen und es war sehr still und friedlich.”

Genau, ich bin zwar am Boden gestanden, aber plötzlich habe ich diesen Eindruck gehabt, ich stehe auch wie ganz oben und schaue auf diesen weiten Meeresraum. Ich war noch nie auf einem hohen Segelmasten, aber so stelle ich mir das vor, da ganz oben, dass dieses Raumgefühl da noch einmal deutlicher ist.

Dieser Raum wäre dann ja vielleicht auch ein Zusammentreffen von Zeiten, so verstehe ich zum Teil auch dein Zitat zu Beginn. Dieser Raum ist offen. Die Zukunft ist offen. Die Gegenwart ist im besten Fall jetzt mal still. Und die Vergangenheit, die Erinnerung kann wie mit einfließen. So könnte man vielleicht sagen, in diesem Raum kann die Zukunft auch zu einer tiefen Erinnerung werden, ein indigenes Weltbild, ein Möglichkeitsraum.
Ja, Raum eben auch in der zeitlichen Dimension. Raum der die Weite schafft, ist für mich immer auch stark mit einem zeitlichen Aspekt verbunden. Einer Zeit des Verweilens zum Beispiel. Das ist für mich stark gegeben, wenn ich bei Bäumen bin, dass die dann ja auch Geschichten erzählen können, einfach auch aufgrund dessen, dass sie so prominent dastehen an dem Ort. Natürlich auch vieles schon erlebt haben und viele Geschichten zu erzählen hätten oder haben und man da manchmal zuhören kann, was sie denn so alles erzählen von diesem Ort und was da alles geschehen ist in den verschiedenen Zeiten.

Was vermutest du, würden Sie uns jetzt erzählen oder auch raten? Vielleicht würden sie zuerst einmal lachen?
Genau, vielleicht würden sie einfach nur lachen.
Was würden sie denn sagen? - Ich glaube schon, dass ein Aspekt ist - und das ist ja auch in unserer Zeit jetzt da - sich dieses Verweilen auch mehr zu erlauben, dieses Verlangsamen, mehr zu erlauben und einzuladen, innezuhalten oder auszurasten, auszuruhen - interessante Begriffe ausrasten und ausruhen. Um eben wie die Möglichkeit zu kriegen, diesen Gesamtraum mehr wahrzunehmen und daraus dann auch Handlungen folgen zu lassen, so etwas könnte ich mir vorstellen, dass sie uns raten oder sagen würden, die Bäume.

Und ich glaube auch, dass dieses Langsame wichtig sein kann, langsam in grundlegende Veränderungen zu gehen und sich genug Zeit zu nehmen, um solche Veränderungen einzuleiten, die eben grundsätzlicher sind als nur mehr Desselben, mehr vom Alten.

Wenn du es eilig hast, geh langsam …?
Es geht ganz viel um eine Gesamtwahrnehmung. Ich habe den Eindruck, es ist ganz leicht, Details wahrzunehmen und auf die zu reagieren, aber es ist wichtig, die gesamten Zusammenhänge zu sehen, auch in dem Wissen, dass ich nie alles erfassen kann, schon garnicht, wenn ich darüber nachdenke und beginne zu reden ... aber mit diesem Bewusstsein, dass es ein viel größerer Raum ist, in dem wir uns da bewegen und ich im besten Fall Ausschnitte wahrnehmen kann, aber auch bemüht sein sollte, möglichst viele Ausschnitte wahrzunehmen und die können zum Teil sehr konträr sein. Und das in Handlung umsetzen ist dann die große Herausforderung. Also auszusteigen aus diesem entweder/oder, schwarz/weiß.

In der ersten Krisensituation ging das ja noch ganz gut. Aber spätestens dort, wo es wieder angefangen hat, komplexer zu werden, ist ganz deutlich geworden, da geht es mit entweder/oder nicht mehr und mit schwarz/weiß, sondern da muss ich den Gesamtraum mehr in den Blick kriegen und da brauche ich eine gewisse Besonnenheit und Langsamkeit, um das tun zu können.

Und wie dann ein Handeln tatsächlich ausschaut, das ist auch noch einmal spannend. Denken kann ich breiter und umfassender, aber welche Handlungen folgen daraus? Es kann sein, dass es manchmal sogar relativ konträre Handlungen sein können, das ist meine Vorstellung, die aber in der Fülle ein Ganzes ergeben können. Es kann zB sein, dass man sich fragt, wozu soll das jetzt gut sein, diesen aktiven Schritt zu setzen, weil er sich noch nicht erschließt, aber mehrere vielleicht ganz unterschiedliche Handlungsschritte können dann vielleicht ein ganz gutes Ganzes ergeben.

Das wäre wieder eine Art von Tanz ...
Genau, das ist wieder eine Art von Tanz.

Ich vermute ja, dass im Tanz, im Konkreten, aber auch in der Metapher viel Weisheit liegt. Wo getanzt wird auf der Welt … Das wäre auch ein wichtiger Beitrag dessen, was wir im Terreiro tun. Diese Pflege des Tanzes und der Füße auf der Erde. Sich zueinander zu bewegen in unserer Unterschiedlichkeit.
Ja, da sind viele Aspekte, des Verbindens und Trennens und des Gestaltens enthalten. Oder den Boden zu bereiten. Viele Aspekte oder Elemente könnte man da herausfiltern, wenn man aus dem Gesamten dann wieder auf kleine Handlungsschritte fokussieren würde und fragen, wofür brauchts denn das, dass dann diese schöne Choreografie oder eine ganz spezielle Form des Tanzes entsteht. Vom Einzelnen, aber auch im Miteinander.

Vielleicht kann das auch eine Metapher sein, wie diese Veränderung oder Wandlung vor sich gehen könnte. Da könnten wir schauen, wie uns das gelingt, diese einzelnen Handlungsschritte in einen schönen Tanz zu verwandeln oder den Tanz zu sehen, welche einzelnen Handlungsschritte liegen da drin ...
 




Kommentare

09.05.2020 | Vanessa

Das gefällt mir sehr gut, das handeln wie Tanz zu betrachten. Den Tanz der entsteht, wenn er geschehen darf., zusammengefügt aus all den kleinen einzelnen Schrittchen, von denen man mit dem Verstand betrachtet, nicht weiß, wozu sie gut sind, die sich aus einer Folge von Impulsen ergeben, aus Informationen von überall her. Und dann als Ganzes den Tanz ergeben, der schön ist und voller Ausdruck und der die Kraft hat, etwas zu bewegen. Dankeschön! Axé



Kommentar schreiben

* Diese Felder sind erforderlich