Oxum - Orixá da Casa

30. Juli 2021, Iya Habiba

Die meisten Terreirogemeinschaften werden von einer spirituellen Kraft im Besonderen gehütet und geprägt. Das kann ein Orixá sein oder auch eine Entität und traditionellerweise ist es jene Kraft, die mit der den Terreiro gründenden Mãe de Santo (oder dem Pai de Santo) verbunden ist. In unserem Fall ist es Oxum – die Kraft des süssen Wassers.
Sie ist mir innigste Begleiterin auf dem Weg durch das Leben: Ich lerne mit ihr zärtlichwild Hingabe. Ich lasse mir von ihr die Welt zeigen, meine Wahrnehmung formen, sie lauscht meinen Geschichten. Miteinander und mit anderen Miteinander fliessen und fallen wir in die Kreisläufe, die sich Leben nennen. Welch Geschenk. Vor sieben Jahren habe ich ihr dieses Gedicht geschrieben und es hat nichts an Gültigkeit verloren. Ich teile es hier gerne.

Rôra yèyé o - Modúpe Ìyá dé o
Oxum, Oshun o, Yèyé o - in tausend Weisen Fliessende, immer wieder neu.
Als königliche Mutter Reichtum Liebende.
Als stille Alte Schicksal Lesende.
Als schöne Rebellin Aufbruch Gebärende.
Alles durch dich, du Wasser. Hier auf Erden, alles durch dich.
Entstehen. Vergehen. Wandel, alles durch dich.

Komm, Yèyé, segensreich. Zeig dich in tausend Weisen immer neu.
Lass uns dich leben, auf allen Wegen, immer neu.
Lass dich erinnern, tief und weise, dich tanzen zärtlich und gross.
Lass die Welt und wir in ihr, geboren werden, immer wieder neu, Yèyé o.
Unermesslich der Dank für dein Dasein, Yèyé!
Modúpe Ìyá dé o!
Ya Habiba de Oxum, Juni 2014
 

Quelle: https://www.facebook.com/olayiwola.oladunniolosun/videos


Oxum wird gerne im Sommer gefeiert: In Brasilien ist das für gewöhnlich im Dezember; in Afrika ist das grosse Fest am Fluss Oshun in Nigeria in Osogbo meist im August und bei uns feiern wir meist im Juli. Der Juli «gehört» dem süssen Wasser. Dann wird ein Fluss zum Raum der Hinwendung: Eintauchen, Blumen bringen, singen, der Freude und der Dankbarkeit Ausdruck schenken und Lauschen und Lernen.
Weinen. Vor Freude. Vor Sehnsucht. Vor Schreck. Vor Trauer. Vor lauter Segen.

Der Terreiro liegt an einer Klippe über einem Fluss. Einem kleinen Fluss namens Sitter. Sie kommt aus den nahegelegenen Bergen, geht weiter in die Thur und schliesslich mit dem Rhein bis zur Nordsee und von dort weiter im Kreis.

Es steht nicht überall gut mit dem Wasser. Dass es mächtiger, egal ob es radikal ausbleibt oder wuchtig hereinbricht, das steht ausser Frage. Auch dass es sich reinigen wird von den Medikamenten, Viren und Giften. Aber wieviel Geschichten der Not wird es bis dahin mit sich mitnehmen. Wasser erinnert.

Dieses Jahr waren die Zuwendungen zu Oxum an vielen kleinen Stellen verteilt. Sie hat – über alle Unwetter hinweg, so hoffe ich, auf ganz unterschiedliche Weisen gewirkt. Davon erzählt auch dieser Brief, den ich in diesem Juli erhalten habe, Danke:

"Am Tag nach dem schönen Telefonanruf von dir, der mein Herz zum Schmelzen brachte, gelang es mir, einen schönen Strauß weißer Lilien zu finden, und ich beschloss, sie zu kaufen - ich weiß nicht, warum. Alle Knospen waren geschlossen. Ich arrangierte sie in zwei Vasen, so viele waren die Blumen, viel mehr, als ich mir vorgestellt hatte.
Ich dachte an diese große liebende und schöne Kraft, die wir Mãe Oxum nennen und widmete ihr die Blumen. Ich erinnerte mich daran, dass ich sie immer um Hilfe für meine Familie bitte, für die, die leiden oder traurig sind. Ich schaute auf meine Lebenssituation und erkannte, dass ich einen gewissen Mangel an Oxums Axé lebte. Genau in den Bereichen, in denen diese Kraft mehr wirkt.
Und ich erinnerte mich auch plötzlich daran, dass Vó Luzia mir vor 18 Jahren sagte, dass ein Lied mich heilen würde. Ein Ponto für Oxum: "Eu sou da mina, eu sou da mina de ouro....".

Seltsame Labyrinthe bewohnen unsere Seele, mit Motivationen, die so verborgen und so gewohnheitsmäßig sind, dass wir sie nicht bemerken. Ich musste mich fragen, warum ich diese Kraft nicht für mich in Anspruch nehme. Versteckt in den Brunnen meines Herzens habe ich einen Teil gefunden, der sich dafür nicht für würdig hält. Als ob die Sonne, die für alle scheint, egal wer sie sind, nicht auch für mich scheinen dürfte. Wie bei jemandem, der eine Diät macht und kein Brot isst: Er darf nicht. Ja, dieser Befehl war in meinem Herzen. Ich kann das Axé von Oxum nicht empfangen: Ich verdiene es nicht, ich bin nicht würdig, ich habe kein Recht, ich habe keinen Zugang. Das Wasser der Nacht, in der wir arbeiteten, rührte die Tiefen auf und erweichte langsam diesen Befehl, den ich mir selbst gab, ich weiß nicht wann. Es fühlte sich seltsam, falsch und schwer an, gegen diesen Befehl anzugehen. Als ob es eine Sünde wäre, als ob es ein Verbrechen wäre, Oxums Liebe zu erbitten und anzunehmen.

Ich habe über das Ponto nachgedacht, dea mir Vó Luzia vorgesungen hat. In den Tiefen einer verborgenen Mine die schwer zu erreichen ist, die niemand sieht, die viel Arbeit erfordert, um zu graben und zu entdecken, befindet sich Gold. Es gibt Liebe. Dieses Mal weinte ich und umarmte Oxum. Und ich bete jetzt zu ihr für mich. Ich bete zu ihr, für ihr Axé. Ich singe ihr täglich vor und lasse mich in die Kraft ihrer Liebe fallen. Und es ist sehr seltsam, in der Sonne zu stehen, die für alle scheint. Es ist sehr seltsam, diese Erwärmung in meinem Herzen zu spüren. Danke Ya."
 




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